Der Schrecken des Weinbaus - Die Reblausplage

Im späten 19. Jahrhundert brach über die europäische Weinindustrie eine verheerende Reblausplage hinein, die große Teile des Weinbaus auf dem Kontinent zerstörte. Wie kam es dazu und wie gelangte der Plagegeist überhaupt über den Atlantik nach Europa?

Im 19. Jahrhundert war es durch die Erfindung des Dampfmotors erstmals möglich, lange Seereisen in die Neue Welt in kurzer Zeit und sehr viel kostengünstiger zu unternehmen. Gleichzeitig galt Botanik als ein schickes Hobby und viele Wissenschaftler und Amateur-Botaniker nutzten die neuen Transportmöglichkeiten, um in die Neue Welt zu reisen und mit vielen verschiedenen Pflanzenproben wieder zurück nach Europa zu kommen. Vor der Entwicklung des Dampfmotors war dies nur schwer möglich, da die Pflanzen auf der langen Seereise oftmals nicht überlebten. Dampfschiffe konnten die Strecke nun aber in gerade mal zwei Wochen zurücklegen. Eine Pflanze, die besonders häufig nach Europa gebracht wurde war die amerikanische Weinrebe Vitis aestivalis. Mit ihr wurde auch die Reblaus nach Europa eingeschleppt, die in der Weinindustrie verheerende Schäden anrichten sollte.

Die Reblaus kann großen Schaden an den Reben anrichten -
© flickr/naturgucker.de
Dieses winzige Insekt ist gerade mal einen Millimeter lang und kann dennoch große Schäden anrichten. Es injiziert seinen Speichel in die Wurzeln der Rebstöcke, worauf das ganze Wurzelsystem und damit die Rebstöcke absterben. Der Prozess kann sich über Jahre hinweg ziehen, während das Wachstum und die Rebproduktion der Rebstöcke immer weiter zurückgehen, bevor die Pflanze dann schließlich ganz abstirbt.

In Europa und besonders in Frankreich herrschte im 18. Jahrhundert ein goldenes Zeitalter des Weines. Sowohl die Menge, als auch die Qualität der produzierten Weine war zu diesem Zeitpunkt auf einem Höhepunkt, als hintereinander verschiedene Tragödien für den Weinbau eintraten. Zuerst traf der Mehltau die europäische Weinindustrie und richtete große Schäden an, die jedoch in weniger als einer Dekade wieder unter Kontrolle gebracht wurden konnten. Dies sollte jedoch nur ein kleiner Vorgeschmack auf die viel schlimmere Reblausplage sein, die darauf über die europäische Weinindustrie zog.

Ab 1863 kam es zu einem ersten Aufflammen der Reblausplage in den Weinbergen des südlichen Rhône-Tals. Die Reblaus konnte sich schnell auf die Weinberge in ganz Europa ausbreiten. Erst 1866 wurde das Problem überhaupt von europäischen Wissenschaftlern ernst genommen, nachdem zahlreiche Winzer über ein mysteriöses Absterben ihrer Rebstöcke geklagt hatten. Es war der französische Professor Jules-Emile Planchon von der Universität Montpellier, der erstmals 1868 die winzige Reblaus entdeckte und sie als "Zerstörer" betitelte - als Phylloxera Vastarix.

Auch wenn die Zahl der betroffenen Weinberge immer größer wurde, nahmen Regierungen der europäischen Nationen das Problem zunächst nicht sehr ernst. 1872 wurde ein kleines Preisgeld ausgeschrieben, für jeden der ein Gegenmittel gegen die Reblaus finden würde. Die Ideen waren jedoch alles andere als praktikabel. Eine der absurdesten Ideen bestand darin, eine Kröte unter jedem Rebstock zu begraben, um so die Reblaus vom Wurzelsystem abzuhalten. Eine weitere Methode bestand darin, mit Stöcken auf den Boden um die Rebstöcke einzuschlagen, um so die Reblaus zu verjagen. Selbstverständlich zeigte keine dieser Maßnahmen Wirkung.

Reblausbekämpfung im Weinberg um 1900
© wikipedia/Bauer Karl 
Erst etwa ein Jahr später begannen auch die nationalen Regierungen sich für eine Lösung des Problems einzusetzen und finanzielle Mittel bereitzustellen. Der naheliegendste Ansatz zum Kampf gegen die Reblaus bestand darin, die Schädlinge zu töten. Dies geschah durch den Einsatz von Pestiziden oder durch ein Fluten der Weinberge, wodurch die Insekten ertranken. Beide Methoden waren jedoch sehr teuer und arbeitsintensiv. Eine Gruppe von Wissenschaftlern machte sich daher auf die Suche nach einer günstigeren Methode um gegen die Reblaus vorzugehen.

Nachdem Jules-Emile Planchon bestätigte, dass die Reblaus ursprünglich aus Amerika stammte, kam man auf die Idee europäische Rebstöcke auf den amerikanischen Wurzelstock aufzupfropfen, da amerikanische Reben resistent gegen die Reblaus waren. Diese Pfropf-Methode sollte eine langfristige Lösung für das Reblausproblem sein, war aber auch sehr arbeitsintensiv und zeitaufwendig, da die amerikanischen Rebstöcke sich erst an das europäische Klima gewöhnen mussten. Erschwerend kam noch dazu, dass kurz darauf eine dritte Plage über die europäischen Weinberge fiel. Mit den amerikanischen Rebstöcken wurde ironischerweise ein neuer Mehltau eingeschleppt, der ebenfalls große Schäden anrichtete. Das Mehltauproblem war zwar recht schnell gebannt, aber der katastrophale Schaden durch diese drei Schädlingswellen war bereits angerichtet.

In gerade mal 30 Jahren war die Weinproduktion in Frankreich um 75% eingebrochen und rund zwei Drittel der europäischen Weinberge waren zerstört. Nur wenige Anbauflächen blieben von dem Schaden verschont und die verzweifelten Winzer griffen auf dubiose Methoden zurück, was der Weinindustrie noch weiteren Schaden zutrug. Der Preis für guten Wein stieg stark an und mehr und mehr schlechter Wein gelangte in den Handel und auf die Tische der Weintrinker. Verzweifelte Winzer begannen sogar damit, mit Rosinen und fermentierten Zuckerrüben zu panschen. Erst zum Jahrhundertwechsel begann sich die europäische Weinindustrie wieder von dem immensen Schaden zu erholen.

Inzwischen hat sich der Weinbau in Europa von diesem Schock wieder erholt, aber die Reblaus wurde nie ausgerottet. Der Plagegeist ist immer noch dort draußen und nagt an den Wurzeln der Rebstöcke, auch wenn das Reblausproblem inzwischen unter Kontrolle gebracht wurde.